Desert experience,7.5.08

Mai 11, 2008 von fruitilla

Es ist unglaublich hier, das Lebensgefühl in Delhi ändert sich von Woche zu Woche um 90 Grad (180 wäre zu viel gesagt). Die erste Woche war ankommen und herausfinden, was wie läuft, die zweite Woche war Temperaturanstieg und damit verbunden Unbehagen in der sehr kleinen und überfüllten, ungekühlten Wohnung. Mittlerweile habe ich mich an die Hitze ( 43 – 45 Grad) gewöhnt, was die Wohnung auch wieder erträglicher macht. Seit zwei Tagen sind die Temperaturen wieder tiefer – wahrscheinlich immer noch über 38 Grad, aber das ist im vergleich zu vorher kühl. Und es ist windig geworden, so richtig. Ich bin gespannt, was das Wetter sonst noch so bereit hält für mich hier. J

Und wenn ich schon mal in einem Land mit Wüste bin, wollte ich diese auch sehen. Und ich dachte, dass es heisser als in Delhi ja fast nicht sein kann und so bin ich mit meinen zwei Mitbewohnerinnen aus Holland 19 Stunden im Zug Richtung Jaisalmer in Rajastan aufgebrochen. Ich freute mich auf die Zugfahrt und die Wüste. Die Zugfahrt war am Anfang aber eher eine Herausforderung: Die Züge sind ein bisschen wie die russischen, die Abteile sind offen, also nicht durch eine Tür geschlossen und vis-ä-vis von jedem Abteil sind noch mal zwei Betten übereinander. Und weil in Indien einiges mehr an Leute wohnen, sind hier auch statt zwei Betten in den Abteilen, 3 übereinander. Fährt man aber zu Stosszeiten von Delhi weg, findet man sich mit mindestens 15 Indern zusammengequetscht auf einer Bank sitzend wieder. Sind irgendwo zwei Zentimeter frei, kommt jemand und quetscht sein Füdli rein. Das natürlich nur in der tieferen Preisklasse ohne Klimaanlage, sodass uns der Schweiss in Bächen runtergelaufen ist. Nicht zu sprechen vom eher unangenehmen Gefühl, von neugierig glotzenden Indern umringt zu sein, welche alle wissen wollen, wie man heisst, woher man kommt und ob man Indien mag.

Nach zwei Stunden war der Spuk – d.h. die Vororte, wo die Leute hinwollten – vorbei und wir konnten uns zu 6 auf den zwei Sitzbänken *ausbreiten“. Die Fahrt ging gemütlich weiter, im Zug verkauften sie ein super feines Essen (alles, was ich bis jetzt gegessen habe, war yummi, und die Schärfe scheint mir hier nichts auszumachen…).

Nach einem guten Schüttelzugschlaf sind wir in der antiken Wüstenstadt angekommen und die Rikshafahrer haben wollten uns, kaum stand der Zug still, vom Perron durchs Zugfenster hineinrufend in ihre Riksha lotsen. Wir waren aber gewarnt, dass das so sein wird und dass einem auch im Zug drin schon allerlei Touren und Hotels angedreht werden. So dass wir einfach stur auf unserem Geusthouse aus dem Lonelyplanet beharrten. (Was aber schlussendlich nicht die beste Wahl war. Aber die Geschichte würde länger ausfallen.)

Jaisalmer ist eine wunderschöne antike Wüstenstadt, welche aber durch die grosse Besucherzahl und dem damit verbundenen steigenden Wasserverbrauch bedroht ist. Schöne alte Häuser und während der Hochsaison wahrscheinlich unglaublich viele Touris. Im Sommer ist es aber zu warm, in ein paar Wochen wird wohl die Hälfte der Restaurants geschlossen sein. Auch die Kamelsafaris werden bald pausieren.

Oh ja, die Kamelsafari ist in dieser Stadt fast ein Muss. Zu dritt mit einem Camelman unterwegs, ritten wir früh um 9 los, den Windmühlen entgegen. (Eigentlich ist es eine gute Sache, dass sie so viele Windmühlen aufstellen, es war windig genug, für das Touristenauge ist es aber nicht unbedingt das Gesuchte…). Um 12 machten wir dann im Schatten eines Baumes Rast, und unser Camel man, Mr Khan, kochte für uns ein gutes (ein bisschen verwestliches) Mittagessen. Danach hätten wir eine Siesta machen sollen, bis die Temperaturen das Weiterreiten ermöglichen. Nur zu dumm, dass uns ein Bienenschwarm entdeckt hat, und an Schlaf nicht mehr zu denken war.

Um 3 ging es weiter im Kamelschritttempo, dieses Mal mit einem Kamel mehr in der Karawane. In einem nahen Dorf ist ein Kamelmännchen abgehauen, weil es ein Kamelweibchen erspäht hat. Unser Camel man hat das Kamel erkannt, gefangen und festgebunden. Und ca. 20 Minuten später tauchte ein beturbanter Mensch auf, der sein Kamel holen gekommen ist. Er ist ganz simpel den Fussspuren seines Kamels gefolgt. Und es ist nicht etwa so, dass sein Kamel das einzige ist. Auch unser camel man hat uns gesagt, dass er seine Kamele an ihren Fussspuren erkenne. Verblüffend! Zum Dank, dass Mr. Khan das Kamel eingefangen hat, wurden wir im Dorf auf einen Chai eingeladen und konnten bei dieser Gelegenheit auch ein kühles Pepsi trinken (das Wasser, das wir mitgenommen haben, war unterdessen heiss! Das ist etwa derselbe Kontrast, wie das Wasser in Russland auf dem Heimweg gefroren ist… einfach ins andere Extrem).

Danach haben wir eine Sanddüne erreicht – Wüste pur, keine Pflanze, nix. Genau so, wie sie im Buch aussieht. Ich war ganz aus dem Häusschen, sodass wir, kaum vom Kamel gestiegen, ein paar grosse Sprünge im Sand gemacht haben. J

Den schönen Sonnenuntergang und atembberaubenden Sternenhimmel haben wir leider nicht gesehen, weil es durch den starken Wind (welcher die Temperaturen in erträglichem Mass hielten) zu viel Sand aufgewirbelt wurde, sodass nicht viel zu sehen war. Mehr zu sehen gab es am nächsten Morgen, da wir unter freiem Himmel bei Wind in der Wüste geschlafen haben. Wir sind alle mit sandüberdecktem Gesicht aufgewacht und haben uns gegenseitig ausgelacht.

Mr Khan hat in der Zwischenzeit schon wieder für uns gekocht und camel man Sprüche zum besten gegeben: „no chapati, no chai, no woman no cry“. Oder wer den Song „barbie girl“ von Aqua kennt: „ I am a camel man, in the desert land…“

Und um eure Ausdauer nicht zu überstrapazieren alles weitere in Kurzfassung: Rückkehr nach Jaisalmer, Gang zum Bahnhof, feststellen, dass die Tickets dummerweise erst für den nächsten Tag gültig sind und wir einen Tag länger bleiben müssen (und unfreiwillig blau machen), Suche nach neuer Unterkunft – Swimmingpool Nachmittag in der Wüste – Sunsetpoint-going ohne sunset (aus oben genannten Gründen) – Besuch des Desertmuseums mit wunderbarem, alten Geschichtslehrer als Führer, der viel von seinem eigenen Leben erzählte und Fotos von einer Hochzeit zeigte, die er organisiert hat für ein kolumbianisches Paar, welche in seinem Museum eine traditionelle Hochzeit feiern wollten – zweiter Versuch, den Zug zu nehmen glückt – Rückfahrt in höherer Preisklasse mit air conditioner – Frieren im Zug, weil die AC so extrem unglaublich kalt eingestellt ist (langes Shirt, Faserpelz, Kopftuch, Socken, Wolldecke) – Ankommen in Delhi – Duschen – Arbeit – Kino mit den anderen Trainees (the iron man, bullshitmovie mit Unterhaltungswert, aber das Ganze war ein Erlebnis. Im Kino war es überhaupt nicht indisch, hätte in der Schweiz sein können, hätten die Leute nicht telefoniert während dem Film) – Schlafen und schon ist es heute. Und schon ist es spät. Drum mache ich hier einen Schlusspunkt und hoffe, dass ich die Berichte bald mal hochladen kann…

Delhi zum Zweiten, 24.4.08

Mai 11, 2008 von fruitilla

Dharamsala

Und schon folgt der zweite Bericht über Leben und leben lassen in Delhi. Anscheinend habe ich mich das letzte Mal nicht ganz klar ausgedrückt: Da ich von Montag bis Freitag arbeite, stehen nur die Wochenenden zum Reisen zur Verfügung. Wir sind deswegen am Freitag Abend losgefahren, 12 Stunden in einem erstaunlich bequemen Bus durch die Gegend geholpert und sind gegen den Morgen in Dharamsala, bzw Mac Leonid Ganj angekommen. Aussehen tut es dort ein bisschen wie in den Schweizer Bergen, nur ist alles ein bisschen höher. Und die Leute ein bisschen anders. Der Unterschied zu den Leuten in Delhi war frappant: Einige singen in den Strassen und im Gegensatz zu Delhi kann man den Leuten direkt in die Augen schauen und mit ihnen lachen. Hier würde ein solches Verhalten eine Aufforderung für näheren Kontakt sein, in Mc Leonid war es einfach ein gemeinsames Lachen.

Das Dorf ist allerdings auch touristischer als Delhi, zumindest als das Delhi, das ich bis jetzt kenne. Hier in Delhi sind die Leute eher schick (à la indienne, versteht sich. Sprich lange Hose und Ärmel, auch bei 40 Grad), dort oben sieht man viele „Schmuddelrucksacktouristen“.

Natürlich hinterlässt der Protest gegen die olympischen Spiele auch dort seine Spuren. Jeden Tag gibt es einen Protestmarsch mit Kerzen und tibetischen Flaggen und überall sind Zeitungsartikel an die Wände geklebt worden, in welchen die Unterdrückung thematisiert ist. Zudem hängen an verschiedenen Orten im Dorf verteilt und bei den Tempeln schreckliche Bilder, welche misshandelte oder getötete Menschen in Blut liegend zeigt. So war der Besuch des Haupttempels für mich nicht etwa beruhigend oder inspirierend, sondern deprimierend und das Verlassen des Tempels eine Erleichterung.

Ansonsten waren wir eine witzige Gruppe, 7 Leute, darunter ein Amerikaner, der mit jedem Hund (und von denen gibt es eine Menge!) und vorbeigehenden Menschen in Kontakt trat, sodass wir trotz „Gruppenreise“ mit sehr vielen Leuten – Touristen, Mönche und Lokale – ins Gespräch gekommen sind.

Nach zwei Tagen in Frischluft hiess es dann schon wieder losfahren. Der Bus schien Neuer, was aber nicht vor einem Platten schützte. Zum Glück wohnen wir aber im i-pod-Zeitalter, sodass wir während der Wartezeit neben dem Bus unsere kleine Privatdisco auf der Strasse hatten, was einem Auto voller Sikhs ein Stopp und ein paar Fotos wert war. J

Der Rest der Reise verlief ziemlich reibungslos und nach einer kurzen Dusche zu Hause ging es ab wieder ins Büro.

Arbeit

Viel habe ich bis jetzt noch nicht geleistet. Nachdem klar geworden ist, dass ich nicht das machen werde, was in meinem Vertrag steht, organisiere ich nun eine Konferenz über Kinderrechte und je eine Präsentation über Schweden und Dänemark, weil dies die Hauptsponsoren „unserer“ Kinder sind. Die Arbeitsbedingungen sind allerdings ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Das Büro hat etwa 9 Leute, von denen aber selten alle im Büro sind, da die Mitarbeiter oft in den Projekten sind. Wir haben ca. 9 Computer, davon 2 mit Internetanschluss, wobei der eine meiner Chefin gehört. Wer also etwas verschicken oder nachschauen sollte, muss zuerst warten, bis der „Internetcomputer“ frei wird. Eher kompliziert ist auch, wenn man Dokumente von einem Computer auf einen Anderen transferieren möchte. Da mein Arbeitscomputer noch keinen USB-Anschluss hat, muss ich zuerst eine CD mit den Daten brennen, um mit dieser CD an einem anderen Computer (mit Internet oder so) weiter an dem File zu arbeiten, worauf das veränderte File wieder gebrannt und zurück auf den Arbeitscomputer kopiert werden muss. Für mich ist diese Arbeitsweise eher beschwerlich, da ich es gewohnt bin, alles sofort nachschauen zu können und zwischen dem zu schreibenden Dokument und den Infos im Netz hin- und herzuswitchen. Scheint, dass ich eine neue Arbeitsweise zu lernen habe und sehe, wie es war, zu den Zeiten als es das Internet noch nicht gab.

Ansonsten habe ich wieder ein paar Projekte besuchen können, die mich alle sehr beeindruckt haben. Heute zum Beispiel waren wir im SOS Kinderdorf ausserhalb der Stadt. Ein wunderschönes Dorf, das den Eindruck eines Ferienortes hatte. Beeindruckend war aber nicht primär das Äussere, sondern die Lehrbuchreife der Strategie der Organisation. Nichts von „wir kommen und bringen euch eine bessere Welt“, sondern Ausbildung der Unterprivilegierten, damit sie sich selber organisieren können. Wir haben zwar gelernt, diesen Ansatz bei der Arbeit mit Unterprivilegierten zu verfolgen, doch so konsequent – und anscheinend auch erfolgreich – umgesetzt wie hier in Indien, habe ich das noch nie gesehen. (Wobei ich schon gespannt bin, ob sich meine Meinung in den nächsten zwei Monaten noch ändern wird.)

Temperaturen und magic AC

Die Temperaturen steigen und steigen, im Moment sind wir bei plus/minus 40 Grad. Und trotzdem tragen wir lange Hosen und die meisten auch längere Ärmel – und ich bin erstaunt, dass dies überhaupt erträglich ist. Aber so weit geht alles gut. Ist man in einem Raum, gibt es eine Herausforderung, mit der ich in der Schweiz noch nicht gerechnet habe: Wind. Lose Blätter auf dem Tisch werden vom Ventilator sofort weggeblasen. So muss alles Lose beschwert werden, und wenn die Putzfrau kommt, wird der Ventilator ausgeschaltet, damit der Staub nicht einfach in der Luft herumgewirbelt wird. Von dem ganzen Gebläse wird mir manchmal allerdings auch Sturm im Kopf – es ist wie an einem leicht stürmisch windigen Herbsttag. Jedoch ist dies angenehmer, als die dicke Luft, die sonst in den Räumen herrscht, welche selten wirklich Fenster haben.

Ein Luxusgut und wohl immer mehr zum Thema wird die Klimaanlage, sprich AC (air conditioning). Bereits jetzt kann ein Restaurant dem anderen bevorzugt werden, weil das eine AC hat und das andere nicht. Bei mir im Büro hat nur die Chefin das Privileg von kühler Luft, der Rest arbeitet unter einem künstlichen Sturm. In unserer Wohnung haben wir auch nur Ventilatoren und überlegen uns, ob wir uns nicht eine AC anschaffen sollen. Schon jetzt schlafe ich mit dem Ventilator voll aufgedreht, weil es auch in der Nacht um die 30 Grad ist und man die Wohnung mangels Fenster nicht durchlüften kann.

Verkehr

Wie wohl alle wissen, gibt es in Indien Rikshas, Auto-Rikshas und Bicycle-Rikshas. Jeden Morgen fahre ich ca 20 Minuten mit einer Auto-Riksha durch einen endlosen Stau zum Büro. Bevor ich aber losfahren kann, muss ich zuerst eine freie Riksha finden und einen Fahrer, der mich zu einem angemessenen Preis mitnimmt. Das funktioniert so, dass man am Strassenrand steht und winkt, wenn eine freie Riksha kommt. Dann wird über den Preis verhandelt. Natürlich würde es einen Taxometer geben, wie in einem Taxi, aber der wird von den Rikshafahrern nur selten und ungern benutzt, weil sie dann weniger Geld machen. Nach dem Verhandeln geht es los. Der Fahrer schlängelt sich durch Stau, alle möglichen Verkehrsmittel und Kühe und macht dies mit einer extremen Präzision. Die Rückspiegel stehen in der Regel nicht vom Auto ab, sondern sind innen angemacht, damit man besser durch Lücken im Verkehr kommt. Selbst die Autofahrer haben den Rückspiegel auf der Mitfahrerseite entweder abgenommen oder nach innen geklappt.

Die Abgase in der Luft hier sind extrem, sodass ich immer einem Mundschutz in der Tasche habe, den ich mir vor die Nase halte, wenn es zu arg wird. Was aber nicht vermeidet, dass alles, was bei einem Schneuzer aus der Nase kommt, pechschwarz ist. Ein Trainee fährt trotzdem nur noch mit Gesichtsmaske Riksha, weil er sich einen Husten geholt hat, den er auf die Abgase zurückführt. Um das nicht selbst ausprobieren zu müssen, folge ich seinem Beispiel – und bin dabei nicht die Einzige, es gibt auch InderInnen, die dasselbe tun. Früher sei es allerdings noch mehr verbreitet gewesen.

Stromausfall

In den letzten Tagen haben Stromausfälle unfreiwillig zu romantischen candle-light dinner oder schmelzenden Kühlschränken und daurauffolgende Pfütze in der Küche geführt. Jetzt ist es auch wieder der Fall, weswegen ich hier mit meinen eh schon zu langen Bericht ende, bevor meinem Computer noch der letzte Strom ausgeht.

Delhi zum Ersten

April 18, 2008 von fruitilla

So, nachdem ich herausgefunden habe, dass man die Steckdose zuerst mit einem Kippschalter anschalten muss, sitze ich nun bei uns zu Hause auf dem Balkon mit Sicht auf die Hauptstrasse und hoffe, diesen Text später im Internetcafé hochladen zu können. Es ist etwas nach Mittag, die Temperatur zwischen 35 und 40 Grad, aber es geht ein Lüftlein, sodass alles ziemlich ertragbar ist. Nun aber der Reihe nach.

Ankunft

Nach einem knapp 10stündigen Flug mit trinkenden Russen, bin ich um 4 Uhr an der Passkontrolle gestanden, welche die Russen schlimmer als in sowjetischen Zeiten eingestuft haben. Alles ging sehr langsam, aber nach knapp 40 Minuten anstehen durfte auch ich meine ersten Schweisstropfen auf indischer Erde schwitzen.

Nach einer Nacht in einem unglaublich gekühlten Zimmer in einem unglaublich grossen Haus mit unglaublich vielen Haustieren (ca 20 Hunde in Käfigen, ebenso viele Katzen im Käfig daneben, Hühner, eine Kuh, ein Büffel und Vögel), wurde ich in mein neues zu Hause gefahren. Eine unklimatisierte 3,5 Zimmerwohnung mit 8 BewohnerInnen aus aller Welt und einem Hindi sprechenden Diener, der von allen (selbst von den Indern) „W“ (double u) genannt wird. Dieser sollte für uns abwaschen, putzen und sich um unsere Wasserversorgung kümmern (um 3 Uhr in der Nacht muss man einen Tank mit Wasser für den nächsten Tag füllen lassen. Das Prozdere dauert eine Stunde, nach der man alle Hebel wieder zurückschalten muss). Die Kosten für dieses Leistungspaket bezahlen wir direkt an AIESEC DELHI (die Studi-organisation, mit der ich hier bin), welche von uns etwa das Doppelte der eigentlichen Miete verlangt und somit nicht schlecht in die eigene Tasche wirtschaftet. Wie könnte man besser zeigen, dass man als ausländische Person hier überall mehr bezahlt?

Dass auch das Zeitverständnis und die Ernsthaftigkeit von Versprechungen anders zu verstehen sind als bei uns, durfte ich auch schon in meinen ersten Tagen erfahren. Mir wurde versprochen, dass mich jemand an meinen Praktikumsplatz begleiten würde. Einen Tag lang wartete ich vergeben darauf und bin dann schliesslich alleine losgezottelt, um im ISKON Tempel die Geburtstagsfeier für den Gott Rama sehen zu können. Aber siehe da, kaum ist man weg, klingelt das Telefon, wo ich denn sei, ich solle doch so schnell wie möglich zurückkommen. Zurück, wurde ich in einem Militärauto mit rosa Vorhängen zum Expresssightseeing vom Auto aus gebracht, was einen ziemlich pinken Eindruck hinterlassen hat.

Zur göttlichen Geburtstagsfeier bin ich dann doch noch gekommen, da ein Nachbar zu Ehren seiner Tochter im „Hof“ der Siedlung ein Fest mit Essen, Gebet und Tanz organisiert hat, zu welchem wir Trainees auch eingeladen worden sind.

Religionen

Tempel gibt es hier etwa so viele wie Marienstatuen in Italien, immer wieder hört man Musik und sieht, wie sie Essen verteilen. Dementsprechend nutze ich die Gelegenheit, die verschiedensten religiösen Stätten zu sehen und Tänze zu beobachten, auch wenn ich nur bei der Hälfte verstehe, um welchen Gott es sich denn jetzt eigentlich handelt. Jeden Tag ist irgend ein Festival, gestern wurde mit Elefanten, Rössern, Wagen und Musik wahrscheinlich der Geburtstag von Sai Baba, einem Guru, gefeiert. Die Musik wies dabei erstaunliche Ähnlichkeit mit unseren Guggenmusigen auf, nur dass die Musiker statt Kostümen prachtvolle Uniformen tragen.

Praktikum

Als ich dann nach ein paar Tagen doch noch zu meinem Praktikumsplatz gefahren bin, wurde ich dort als erstes mit ein Slum genommen, in welcher die Organisation Mädchen lehrt, mit Papier Figuren zu machen, welche sie später verkaufen können. Zudem verbessern sie ihre Schulkenntnisse, sodass einige von ihnen später weiter in die die Schule gehen können. So weit ich bis jetzt verstanden habe, dreht sich vieles um Kinder, welche gesponsert werden (à la WorldVision, d.h. es gibt Patenschaften, aber auch Sponsoring von Firmen). Mit dem Geld der Patenschaften bekommen die Kinder wenn nötig Kleider, Basisnahrungsmittel und Schulmaterial. Die Organisation organisiert Englischunterricht, Computertraining, lehrt die Mädchen nähen oder bildet sie zu Kosmetikerinnen aus. Für Frauen, die nur kurz zur Schule gehen durften, organisieren sie auch Unterricht, zudem stellen sie ihnen Rechtsberatung zur Verfügung und lehren sie wichtige Dinge wie ihre Grundrechte.

Bis jetzt habe ich vor allem gesehen, wo und wie sie arbeiten, ohne gross selbst etwas zu tun. Wahrscheinlich werde ich entgegen dem, was im Praktikumsbeschrieb gestanden ist, Konferenzen organisieren und Networking unter den verschiedenen NGOs (Nicht-Regierungsorganisationen) betreiben. Oder so.

Im Moment sind noch 3 KanadierInnen in derselben Organisation, welche für ihr Sozialarbeiterstudium einen Ausland-Feldeinsatz machen. Wohnen tun sie in einem Tempel, in dem im ersten Stock Zimmer vermietet werden. Gestern ging ich mit ihnen mit, worauf wir von den Leuten im Tempel zum Essen eingeladen worden sind. Und das funktionierte so: Am Eingang Schuhe ausziehen, sich in eine Reihe setzen (es waren ca 70 Leute im Raum). Man hat einen Palmblätterteller mit verschiedenen Abteilen bekommen, in die die herumlaufenden Helfer Reis und verschiedenen Saucen schöpfen. Das Essen war super (und von der Schärfe her ganz okay J ).

Olympiafeuer

Wie ich gestern gehört habe, gab es anscheinend grössere Auseinandersetzungen in Delhi. Mit den Kanadiern versuchte ich gestern etwas von dem ganzen Getue zu sehen, was nicht ganz einfach war. Die Strassen waren abgesperrt und der Rikshafahrer hat nicht begriffen, dass wir einfach so nah wie möglich wollen. In solchen Fällen stoppt man bei Polizisten oder sonstigen Leuten, von denen man sich eine höhere Bildung erhofft und erklärt ihnen, was man will, damit sie es wiederum dem Fahrer erklären.

Bei der Abschrankung angekommen, standen ca 30 Leute, die auch darauf warteten, dass etwas passiert. Per Zufall war noch eine AIESEC Praktikantin aus China am selben Ort wie wir, sodass wir von vielen Chinesen umringt darauf warteten, dass etwas passiere. Nach einer halben Stunde kamen etwa 8 tibetische Demonstranten mit Flaggen und „Free Tibet!“ rufen angerannt, worauf die Polizei mit zwei Lastwagen voller Polizisten herangefahren kam (interessant dabei, dass die Sikhs zusammen in einem Wagen waren und die andersgläubigen (wahrscheinlich Hindus) in einem anderen.

Die Demonstranten wurden unsanft gepackt, geschlagen, weggefahren, aber so weit ich gesehen habe, 400 Meter weiter weg wieder frei gelassen (oder aber sie haben es geschafft, vom Wagen zu springen..).

Danach wurde die Sache sehr emotional. Eine der Chinesinnen brach in Tränen aus, weil sie sich dermassen für ihr Land schämte und sie die Gleichgültigkeit der anderen Chinesen vor Ort zum Thema Tibet zur Verzweiflung brachte. Als zwei dieser Chinesen sie dann gefragt haben, was denn sei und sie allem Anschein nach zu erklären versuchte, was sie selbst in Tibet gesehen habe und wie sie damit nicht einverstanden sei, sind diese ohne grossen Kommentar weggezottelt. Nicht einfacher gemacht hat die Situation ein Inder, der mit seinen, bestimmt nicht bös gemeinten, aber völlig unsensiblen Kommentaren, von einem Fettnäpfchen zur anderen emotionalen Verletzung getreten ist. Mit der Zeit haben sich aber alle wieder beruhigt und wir für eine weitere Stunde gewartet, während der freudig geredet wurde. Danach musste ich ohne das Feuer oder etwas ähnliches gesehen zu haben, nach Hause, da ich ja Geburtstag hatte und einige Leute zu uns gekommen sind, um bestelltes superfeines indische Gerichte zu essen und zu erzählen.

Und somit bin ich beim heutigen Tag angekommen, der ein Feiertag ist und heute Abend mit einer 12stündigen Busfahrt nach Dharamsala wohl noch zu erzählen geben wird.

Und tschüss!

April 11, 2008 von fruitilla

So, morgen geht es los. Die Blog Idee ist bei den einen gut, bei den anderen ein bitzeli weniger gut angekommen. Für alle, die sich beklagen, sie würden den Blog vergessen und nicht merken, wann es etwas Neues zu lesen gibt, die können sich das so genannte „rss-feeds“ installieren (ganz unten auf der Seite). Dann wird euch der Computer sagen, dass es was neues gegeben hat.

Also, los ins Abenteuer!

Hü und los!

Experiment zum 1.

April 1, 2008 von fruitilla

Hallo!

Es heisst, man solle experimentieren im Leben. Ich nehme mir das zu Herzen und wende den Spruch auch in der virtuellen Welt an. Vielleicht werden auf diesen Seiten – oder auf dieser Seite – demnächst Schilderungen aus Indien zu lesen sein, vielleicht scheitert das Experiment aber auch. Wer weiss… der Wille wär’ zumindest dagewesen..

Auf zu neuen Abenteuern!