Archiv für August 2008

Zurück und doch noch nicht alles gesagt

August 6, 2008

So schnell kann es gehen. Nach einem kurzen hochzeitlichen Intermezzo in Moskau sitze ich schon im Garten meiner Eltern (grün!), wireless Internet, Käsefrühstück, kühles Wetter, warmes Wasser so viel man will, Einkaufszentren mit Unmengen an Essen, Ruhe und Musik aus der Stereoanlage. Und Zeit, noch zu schreiben, was bis jetzt keinen Platz hatte. Zum Beispiel über

Frauen in Indien.

Indien ist ein grosses Land, ein Subkontinent, und voller Paradoxen (deutsche Sprache?). Eines sind die Frauen. Indien hat eine der höchsten Prozentzahlen von aktiven Frauen in der höheren Politik. Frauen sind aktiv im Geschäftsleben, ich selbst hatte auch eine ChefIN. Nichtsdestotrotz sind es die Frauen und Mädchen, welchen von den Familien Bildung und Teilnahme am öffentlichen Leben verweigert wird. Wozu in die Schule gehen, wenn sie eh mit 18 verheiratet wird und dann Kinder hat? So werden die Mädchen zu Hause intensiv auf ihr Leben als Hausfrau vorbereitet. Sie helfen der Mutter, lernen zu gehorchen, nähen, kochen, während die Buben draussen spielen dürfen und schon dort die Rolle der Übergeordneten lernen. So sieht man wenig Frauen alleine in Zügen unterwegs (welcher Mann lässt seine Frau schon alleine reisen?). Wenn sie es tut, zieht sie dementsprechend Aufmerksamkeit auf sich, denn es scheint etwas nicht in Ordnung zu sein mit ihr.

Ein anderer Grund, wieso es Mädchen schwer haben in Indien, ist die – gesetzlich abgeschaffte – Tradition der Mitgifte. Ein oder mehrere Mädchen können eine Familie in den Ruin treiben. (Hierbei wird auch klar, wo es Mitgift gibt, ist die arrangierte Hochzeit auch nicht weit. Arrangierte Hochzeiten sind der Normalfall, Liebeshochzeiten die Ausnahme.) Es gibt seit neuem ein Gesetz in Indien, welches die pränatale Geschlechtsbestimmung verbietet, denn es war (und ist?) verbreitet, Mädchen abzutreiben. Aus diesem Grund mangelt es Indien an Frauen, in armen Staaten sind nur 30 -40% der Neugeborenen Mädchen, 10 – 20% sind abgetrieben worden!

Als Westlerin hat man selbst eine Zwiespältige Position inne. Einerseits ist man aus dem Westen, was hohe Lebensqualität und so weiter verspricht. Andererseits haben weisse Frauen hier auch den Nachruf, einfache Frauen zu sein. Im Fernsehen sieht man ja, wie schnell wir Weissen miteinander ins Bett steigen. Und mehr und mehr mögen auch Inder sexy Werbung – wenn viel Haut gezeigt wird, ist das Modell aber meistens weiss. Und das wohl nicht nur, weil helle Haut als schöner eingestuft wird. Aus diesen Gründen, nehme ich an, passiert es, dass man auf offener Strasse begrabscht wird. Die unzähligen „Ma’am, what is your good name“ führen manchmal nicht nur zu einem Handshake (was mit einer indischen Frau nie gemacht würde – Körperkontakt zwischen Mann und Frau ist gleich Null!), sondern auch zu einem versuchten Kuss führt. Lästig. Man schwebt also als Westlerin in einer Position zwischen Bewundert und Verachtet werden…

Nicht nur Westlerinnen aber werden belästigt. Sexualität ist in Indien ein riesen Tabu, und brodelt heftig unter dem Deckel. Jede (!) NGO die ich gesehen habe, hat Programme über sexuelle Belästigung, wo den Männern versucht wird zu erklären, dass Frauen es nicht mögen, sexuell Belästigt zu werden. In indischem Stil bleibt es oft beim „eve teasing“, bei Sprüchen und Liedern, die den Frauen nachgerufen/-gesungen werden. Doch wenn Situationen nachgestellt werden, geht es um Situationen wie „Mukesh versucht im Bus immer möglichst nahe bei den Frauen zu stehen, um sie bei Gelegenheit zu berühren.“ Und dann wird das diskutiert. Mir wurde auch gesagt, dass einige Inderinnen Nadeln mit sich tragen, mit denen sie Männer stechen, die im Bus oder Zug zu nahe auf ihnen sitzen. Als ich jedoch bei einer Inderin nachgefragt habe, ob das wirklich stimme, hat sie gemeint, dass sie sich das nie getrauen würde.

Umweltbewusstsein

„Say no to plastic bags“, sagt ein Schild in Delhi’s Strassen. Immer und überall bekommt man Plastiksäcke – welche früher oder später auf der Strasse und in einem Kuhmagen landen. In den Bergen scheinen sie diesem Problem bewusst zu sein. In Darjeeling wird der Ladenbesitzer gebüsst, wenn er Plastiksäcke verteilt. Dasselbe gilt für Manali in den Himalayas. Es ist so zwar nicht der Fall, dass die Leute aus Umweltbewusstsein auf Plastik verzichten, aber immerhin, sie verzichten. „Plastic bags, mean Future in Rags“, sagt ein Schild in einem Laden in Darjeeling.

Autofahren in den Himalayas

Da sich meine letzten Reiseberichte sehr kurz gehalten haben, habe ich hier noch eine witzige Ergänzung. Auf dem Weg von Manali über den Rothang Pass – eine Art Gotthard Indiens: auf der einen Seite bewölkt und Monsunwetter, auf der anderen Seite Sonnenschein. Leider war ich unterwegs und habe es nicht geschafft, die Schilder aus dem fahrenden Bus oder Jeep zu fotografieren, so hab ich hier halt nur Text. Ich finde jedoch, die Schilder sagen viel über Land und Leute aus.

  • If you are married, please divorce speed.
  • Keep your eyes on the road, otherwise it will take you heavenly abode.
  • Drive slow, live long.
  • No hurry, no worry.
  • Better Mr. Late than Never.
  • Enjoy the scenery, protect the greenery.