Dharamsala
Und schon folgt der zweite Bericht über Leben und leben lassen in Delhi. Anscheinend habe ich mich das letzte Mal nicht ganz klar ausgedrückt: Da ich von Montag bis Freitag arbeite, stehen nur die Wochenenden zum Reisen zur Verfügung. Wir sind deswegen am Freitag Abend losgefahren, 12 Stunden in einem erstaunlich bequemen Bus durch die Gegend geholpert und sind gegen den Morgen in Dharamsala, bzw Mac Leonid Ganj angekommen. Aussehen tut es dort ein bisschen wie in den Schweizer Bergen, nur ist alles ein bisschen höher. Und die Leute ein bisschen anders. Der Unterschied zu den Leuten in Delhi war frappant: Einige singen in den Strassen und im Gegensatz zu Delhi kann man den Leuten direkt in die Augen schauen und mit ihnen lachen. Hier würde ein solches Verhalten eine Aufforderung für näheren Kontakt sein, in Mc Leonid war es einfach ein gemeinsames Lachen.
Das Dorf ist allerdings auch touristischer als Delhi, zumindest als das Delhi, das ich bis jetzt kenne. Hier in Delhi sind die Leute eher schick (à la indienne, versteht sich. Sprich lange Hose und Ärmel, auch bei 40 Grad), dort oben sieht man viele „Schmuddelrucksacktouristen“.
Natürlich hinterlässt der Protest gegen die olympischen Spiele auch dort seine Spuren. Jeden Tag gibt es einen Protestmarsch mit Kerzen und tibetischen Flaggen und überall sind Zeitungsartikel an die Wände geklebt worden, in welchen die Unterdrückung thematisiert ist. Zudem hängen an verschiedenen Orten im Dorf verteilt und bei den Tempeln schreckliche Bilder, welche misshandelte oder getötete Menschen in Blut liegend zeigt. So war der Besuch des Haupttempels für mich nicht etwa beruhigend oder inspirierend, sondern deprimierend und das Verlassen des Tempels eine Erleichterung.
Ansonsten waren wir eine witzige Gruppe, 7 Leute, darunter ein Amerikaner, der mit jedem Hund (und von denen gibt es eine Menge!) und vorbeigehenden Menschen in Kontakt trat, sodass wir trotz „Gruppenreise“ mit sehr vielen Leuten – Touristen, Mönche und Lokale – ins Gespräch gekommen sind.
Nach zwei Tagen in Frischluft hiess es dann schon wieder losfahren. Der Bus schien Neuer, was aber nicht vor einem Platten schützte. Zum Glück wohnen wir aber im i-pod-Zeitalter, sodass wir während der Wartezeit neben dem Bus unsere kleine Privatdisco auf der Strasse hatten, was einem Auto voller Sikhs ein Stopp und ein paar Fotos wert war. J
Der Rest der Reise verlief ziemlich reibungslos und nach einer kurzen Dusche zu Hause ging es ab wieder ins Büro.
Arbeit
Viel habe ich bis jetzt noch nicht geleistet. Nachdem klar geworden ist, dass ich nicht das machen werde, was in meinem Vertrag steht, organisiere ich nun eine Konferenz über Kinderrechte und je eine Präsentation über Schweden und Dänemark, weil dies die Hauptsponsoren „unserer“ Kinder sind. Die Arbeitsbedingungen sind allerdings ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Das Büro hat etwa 9 Leute, von denen aber selten alle im Büro sind, da die Mitarbeiter oft in den Projekten sind. Wir haben ca. 9 Computer, davon 2 mit Internetanschluss, wobei der eine meiner Chefin gehört. Wer also etwas verschicken oder nachschauen sollte, muss zuerst warten, bis der „Internetcomputer“ frei wird. Eher kompliziert ist auch, wenn man Dokumente von einem Computer auf einen Anderen transferieren möchte. Da mein Arbeitscomputer noch keinen USB-Anschluss hat, muss ich zuerst eine CD mit den Daten brennen, um mit dieser CD an einem anderen Computer (mit Internet oder so) weiter an dem File zu arbeiten, worauf das veränderte File wieder gebrannt und zurück auf den Arbeitscomputer kopiert werden muss. Für mich ist diese Arbeitsweise eher beschwerlich, da ich es gewohnt bin, alles sofort nachschauen zu können und zwischen dem zu schreibenden Dokument und den Infos im Netz hin- und herzuswitchen. Scheint, dass ich eine neue Arbeitsweise zu lernen habe und sehe, wie es war, zu den Zeiten als es das Internet noch nicht gab.
Ansonsten habe ich wieder ein paar Projekte besuchen können, die mich alle sehr beeindruckt haben. Heute zum Beispiel waren wir im SOS Kinderdorf ausserhalb der Stadt. Ein wunderschönes Dorf, das den Eindruck eines Ferienortes hatte. Beeindruckend war aber nicht primär das Äussere, sondern die Lehrbuchreife der Strategie der Organisation. Nichts von „wir kommen und bringen euch eine bessere Welt“, sondern Ausbildung der Unterprivilegierten, damit sie sich selber organisieren können. Wir haben zwar gelernt, diesen Ansatz bei der Arbeit mit Unterprivilegierten zu verfolgen, doch so konsequent – und anscheinend auch erfolgreich – umgesetzt wie hier in Indien, habe ich das noch nie gesehen. (Wobei ich schon gespannt bin, ob sich meine Meinung in den nächsten zwei Monaten noch ändern wird.)
Temperaturen und magic AC
Die Temperaturen steigen und steigen, im Moment sind wir bei plus/minus 40 Grad. Und trotzdem tragen wir lange Hosen und die meisten auch längere Ärmel – und ich bin erstaunt, dass dies überhaupt erträglich ist. Aber so weit geht alles gut. Ist man in einem Raum, gibt es eine Herausforderung, mit der ich in der Schweiz noch nicht gerechnet habe: Wind. Lose Blätter auf dem Tisch werden vom Ventilator sofort weggeblasen. So muss alles Lose beschwert werden, und wenn die Putzfrau kommt, wird der Ventilator ausgeschaltet, damit der Staub nicht einfach in der Luft herumgewirbelt wird. Von dem ganzen Gebläse wird mir manchmal allerdings auch Sturm im Kopf – es ist wie an einem leicht stürmisch windigen Herbsttag. Jedoch ist dies angenehmer, als die dicke Luft, die sonst in den Räumen herrscht, welche selten wirklich Fenster haben.
Ein Luxusgut und wohl immer mehr zum Thema wird die Klimaanlage, sprich AC (air conditioning). Bereits jetzt kann ein Restaurant dem anderen bevorzugt werden, weil das eine AC hat und das andere nicht. Bei mir im Büro hat nur die Chefin das Privileg von kühler Luft, der Rest arbeitet unter einem künstlichen Sturm. In unserer Wohnung haben wir auch nur Ventilatoren und überlegen uns, ob wir uns nicht eine AC anschaffen sollen. Schon jetzt schlafe ich mit dem Ventilator voll aufgedreht, weil es auch in der Nacht um die 30 Grad ist und man die Wohnung mangels Fenster nicht durchlüften kann.
Verkehr
Wie wohl alle wissen, gibt es in Indien Rikshas, Auto-Rikshas und Bicycle-Rikshas. Jeden Morgen fahre ich ca 20 Minuten mit einer Auto-Riksha durch einen endlosen Stau zum Büro. Bevor ich aber losfahren kann, muss ich zuerst eine freie Riksha finden und einen Fahrer, der mich zu einem angemessenen Preis mitnimmt. Das funktioniert so, dass man am Strassenrand steht und winkt, wenn eine freie Riksha kommt. Dann wird über den Preis verhandelt. Natürlich würde es einen Taxometer geben, wie in einem Taxi, aber der wird von den Rikshafahrern nur selten und ungern benutzt, weil sie dann weniger Geld machen. Nach dem Verhandeln geht es los. Der Fahrer schlängelt sich durch Stau, alle möglichen Verkehrsmittel und Kühe und macht dies mit einer extremen Präzision. Die Rückspiegel stehen in der Regel nicht vom Auto ab, sondern sind innen angemacht, damit man besser durch Lücken im Verkehr kommt. Selbst die Autofahrer haben den Rückspiegel auf der Mitfahrerseite entweder abgenommen oder nach innen geklappt.
Die Abgase in der Luft hier sind extrem, sodass ich immer einem Mundschutz in der Tasche habe, den ich mir vor die Nase halte, wenn es zu arg wird. Was aber nicht vermeidet, dass alles, was bei einem Schneuzer aus der Nase kommt, pechschwarz ist. Ein Trainee fährt trotzdem nur noch mit Gesichtsmaske Riksha, weil er sich einen Husten geholt hat, den er auf die Abgase zurückführt. Um das nicht selbst ausprobieren zu müssen, folge ich seinem Beispiel – und bin dabei nicht die Einzige, es gibt auch InderInnen, die dasselbe tun. Früher sei es allerdings noch mehr verbreitet gewesen.
Stromausfall
In den letzten Tagen haben Stromausfälle unfreiwillig zu romantischen candle-light dinner oder schmelzenden Kühlschränken und daurauffolgende Pfütze in der Küche geführt. Jetzt ist es auch wieder der Fall, weswegen ich hier mit meinen eh schon zu langen Bericht ende, bevor meinem Computer noch der letzte Strom ausgeht.