So, nachdem ich herausgefunden habe, dass man die Steckdose zuerst mit einem Kippschalter anschalten muss, sitze ich nun bei uns zu Hause auf dem Balkon mit Sicht auf die Hauptstrasse und hoffe, diesen Text später im Internetcafé hochladen zu können. Es ist etwas nach Mittag, die Temperatur zwischen 35 und 40 Grad, aber es geht ein Lüftlein, sodass alles ziemlich ertragbar ist. Nun aber der Reihe nach.
Ankunft
Nach einem knapp 10stündigen Flug mit trinkenden Russen, bin ich um 4 Uhr an der Passkontrolle gestanden, welche die Russen schlimmer als in sowjetischen Zeiten eingestuft haben. Alles ging sehr langsam, aber nach knapp 40 Minuten anstehen durfte auch ich meine ersten Schweisstropfen auf indischer Erde schwitzen.
Nach einer Nacht in einem unglaublich gekühlten Zimmer in einem unglaublich grossen Haus mit unglaublich vielen Haustieren (ca 20 Hunde in Käfigen, ebenso viele Katzen im Käfig daneben, Hühner, eine Kuh, ein Büffel und Vögel), wurde ich in mein neues zu Hause gefahren. Eine unklimatisierte 3,5 Zimmerwohnung mit 8 BewohnerInnen aus aller Welt und einem Hindi sprechenden Diener, der von allen (selbst von den Indern) „W“ (double u) genannt wird. Dieser sollte für uns abwaschen, putzen und sich um unsere Wasserversorgung kümmern (um 3 Uhr in der Nacht muss man einen Tank mit Wasser für den nächsten Tag füllen lassen. Das Prozdere dauert eine Stunde, nach der man alle Hebel wieder zurückschalten muss). Die Kosten für dieses Leistungspaket bezahlen wir direkt an AIESEC DELHI (die Studi-organisation, mit der ich hier bin), welche von uns etwa das Doppelte der eigentlichen Miete verlangt und somit nicht schlecht in die eigene Tasche wirtschaftet. Wie könnte man besser zeigen, dass man als ausländische Person hier überall mehr bezahlt?
Dass auch das Zeitverständnis und die Ernsthaftigkeit von Versprechungen anders zu verstehen sind als bei uns, durfte ich auch schon in meinen ersten Tagen erfahren. Mir wurde versprochen, dass mich jemand an meinen Praktikumsplatz begleiten würde. Einen Tag lang wartete ich vergeben darauf und bin dann schliesslich alleine losgezottelt, um im ISKON Tempel die Geburtstagsfeier für den Gott Rama sehen zu können. Aber siehe da, kaum ist man weg, klingelt das Telefon, wo ich denn sei, ich solle doch so schnell wie möglich zurückkommen. Zurück, wurde ich in einem Militärauto mit rosa Vorhängen zum Expresssightseeing vom Auto aus gebracht, was einen ziemlich pinken Eindruck hinterlassen hat.
Zur göttlichen Geburtstagsfeier bin ich dann doch noch gekommen, da ein Nachbar zu Ehren seiner Tochter im „Hof“ der Siedlung ein Fest mit Essen, Gebet und Tanz organisiert hat, zu welchem wir Trainees auch eingeladen worden sind.
Religionen
Tempel gibt es hier etwa so viele wie Marienstatuen in Italien, immer wieder hört man Musik und sieht, wie sie Essen verteilen. Dementsprechend nutze ich die Gelegenheit, die verschiedensten religiösen Stätten zu sehen und Tänze zu beobachten, auch wenn ich nur bei der Hälfte verstehe, um welchen Gott es sich denn jetzt eigentlich handelt. Jeden Tag ist irgend ein Festival, gestern wurde mit Elefanten, Rössern, Wagen und Musik wahrscheinlich der Geburtstag von Sai Baba, einem Guru, gefeiert. Die Musik wies dabei erstaunliche Ähnlichkeit mit unseren Guggenmusigen auf, nur dass die Musiker statt Kostümen prachtvolle Uniformen tragen.
Praktikum
Als ich dann nach ein paar Tagen doch noch zu meinem Praktikumsplatz gefahren bin, wurde ich dort als erstes mit ein Slum genommen, in welcher die Organisation Mädchen lehrt, mit Papier Figuren zu machen, welche sie später verkaufen können. Zudem verbessern sie ihre Schulkenntnisse, sodass einige von ihnen später weiter in die die Schule gehen können. So weit ich bis jetzt verstanden habe, dreht sich vieles um Kinder, welche gesponsert werden (à la WorldVision, d.h. es gibt Patenschaften, aber auch Sponsoring von Firmen). Mit dem Geld der Patenschaften bekommen die Kinder wenn nötig Kleider, Basisnahrungsmittel und Schulmaterial. Die Organisation organisiert Englischunterricht, Computertraining, lehrt die Mädchen nähen oder bildet sie zu Kosmetikerinnen aus. Für Frauen, die nur kurz zur Schule gehen durften, organisieren sie auch Unterricht, zudem stellen sie ihnen Rechtsberatung zur Verfügung und lehren sie wichtige Dinge wie ihre Grundrechte.
Bis jetzt habe ich vor allem gesehen, wo und wie sie arbeiten, ohne gross selbst etwas zu tun. Wahrscheinlich werde ich entgegen dem, was im Praktikumsbeschrieb gestanden ist, Konferenzen organisieren und Networking unter den verschiedenen NGOs (Nicht-Regierungsorganisationen) betreiben. Oder so.
Im Moment sind noch 3 KanadierInnen in derselben Organisation, welche für ihr Sozialarbeiterstudium einen Ausland-Feldeinsatz machen. Wohnen tun sie in einem Tempel, in dem im ersten Stock Zimmer vermietet werden. Gestern ging ich mit ihnen mit, worauf wir von den Leuten im Tempel zum Essen eingeladen worden sind. Und das funktionierte so: Am Eingang Schuhe ausziehen, sich in eine Reihe setzen (es waren ca 70 Leute im Raum). Man hat einen Palmblätterteller mit verschiedenen Abteilen bekommen, in die die herumlaufenden Helfer Reis und verschiedenen Saucen schöpfen. Das Essen war super (und von der Schärfe her ganz okay J ).
Olympiafeuer
Wie ich gestern gehört habe, gab es anscheinend grössere Auseinandersetzungen in Delhi. Mit den Kanadiern versuchte ich gestern etwas von dem ganzen Getue zu sehen, was nicht ganz einfach war. Die Strassen waren abgesperrt und der Rikshafahrer hat nicht begriffen, dass wir einfach so nah wie möglich wollen. In solchen Fällen stoppt man bei Polizisten oder sonstigen Leuten, von denen man sich eine höhere Bildung erhofft und erklärt ihnen, was man will, damit sie es wiederum dem Fahrer erklären.
Bei der Abschrankung angekommen, standen ca 30 Leute, die auch darauf warteten, dass etwas passiert. Per Zufall war noch eine AIESEC Praktikantin aus China am selben Ort wie wir, sodass wir von vielen Chinesen umringt darauf warteten, dass etwas passiere. Nach einer halben Stunde kamen etwa 8 tibetische Demonstranten mit Flaggen und „Free Tibet!“ rufen angerannt, worauf die Polizei mit zwei Lastwagen voller Polizisten herangefahren kam (interessant dabei, dass die Sikhs zusammen in einem Wagen waren und die andersgläubigen (wahrscheinlich Hindus) in einem anderen.
Die Demonstranten wurden unsanft gepackt, geschlagen, weggefahren, aber so weit ich gesehen habe, 400 Meter weiter weg wieder frei gelassen (oder aber sie haben es geschafft, vom Wagen zu springen..).
Danach wurde die Sache sehr emotional. Eine der Chinesinnen brach in Tränen aus, weil sie sich dermassen für ihr Land schämte und sie die Gleichgültigkeit der anderen Chinesen vor Ort zum Thema Tibet zur Verzweiflung brachte. Als zwei dieser Chinesen sie dann gefragt haben, was denn sei und sie allem Anschein nach zu erklären versuchte, was sie selbst in Tibet gesehen habe und wie sie damit nicht einverstanden sei, sind diese ohne grossen Kommentar weggezottelt. Nicht einfacher gemacht hat die Situation ein Inder, der mit seinen, bestimmt nicht bös gemeinten, aber völlig unsensiblen Kommentaren, von einem Fettnäpfchen zur anderen emotionalen Verletzung getreten ist. Mit der Zeit haben sich aber alle wieder beruhigt und wir für eine weitere Stunde gewartet, während der freudig geredet wurde. Danach musste ich ohne das Feuer oder etwas ähnliches gesehen zu haben, nach Hause, da ich ja Geburtstag hatte und einige Leute zu uns gekommen sind, um bestelltes superfeines indische Gerichte zu essen und zu erzählen.
Und somit bin ich beim heutigen Tag angekommen, der ein Feiertag ist und heute Abend mit einer 12stündigen Busfahrt nach Dharamsala wohl noch zu erzählen geben wird.